_SIG9285.jpg

sechsunddreißigtausend

sechsunddreissigtausend

in Zusammenarbeit mit Eva Böhmer, Jurate Braginaite, Bea Kiesslinger, Susanne Kudielka, Julia*n Meding, Natascha Moschini, Gert Radu, Daniela Ruocco, Pascale Utz, Kaspar Wimberley

INSTALLATIVE PERFORMANCE // WÜRTEMBERGISCHER KUNSTVEREIN, STUTTGART  // 2016

Das Symptom, sprich das Sichtbare, ist oft nicht leicht zu dechiffrieren, es kann vom Grossen oder auch vom ganz Kleinen erzählen. Oder referieren. Oder aber Kunst probiert sich aus, ist eher ästhetisches Experiment.

Das kann zu einer Herausforderung fürs Publikum werden. Kunst ist nicht eindeutig und die Gefahr, dass etwas für Kunst angesehen wird, was möglicherweise weder Fluxus noch ready made sondern einfach banal ist, ist ebenso gross wie das Risiko, sich als Banause zu outen und die Kunst nicht zu sehen, selbst wenn man genau vor ihr steht. Eine kleine Hilfestellung ist sicher der Kontext. Etwas, was im Kontext der Kunst entsteht, wird zur Kunst. Zumindest werden die Codes der Kunst angewendet, um es zu lesen. Mit “sechsunddreißigtausend” befinden wir uns im Kontext der Kunst. Also erfährt das, was zu sehen ist, eine Betrachtung durch die Codes der Kunst. Dieser Text entsteht ebenfalls im Kontext der Kunst. Von ihm wird erwartet, dass er eine Erklärung, oder zumindest Rezeptionshilfe für das Gesehene liefert. Im System Kunst sind die Codes sehr klar: gute Kunst oder schlechte Kunst. Jede Arbeit muss sich also den Erwartungen dieses Systems stellen, jede Beschreibung dient der finalen Überprüfung ihrer Richtigkeit. Doch wird damit nicht die Kunst ihrer genuinen Kraft beraubt? Was ist mit dem Unerwartbaren, Unbeschreiblichen? Sollte es sich in der Kunst nicht um eine Verfremdung der vertrauten Rezeptionen und damit um eine Verfremdung der Lebenswelt handeln?

Nur wenn wir uns allen Bedrängnissen und Anforderungen des Lebens entledigen, können wir frei denken und handeln. Diesen Zustand erreichen Kinder, wenn sie spielen. Im Spiel gibt es keinen Erwartungsdruck, das freie Spiel endet nicht in einem konsumierbaren Produkt. So bescheibt es der Neurobiologe Gerald Hüther. Dieser Zustand, so scheint es, sollte doch auch auf die Kunst übertragbar sein. Ja. Aber. Ein genauerer Blick auf die zeitgenössische Kunstwelt zeigt auch dieses Bild: Antragsfristen, Zeitrahmen, in denen produziert werden muss, Kontinuität der Bewerbungen (sonst gibt es im nächsten Jahr kein Projekt), Auslastungszahlen, Einnahmen, Vermarktung, ganz besonders die zunehmende Themensetzung der öffentlichen Stiftungen und damit einhergehend die Generierung immer neuer und Relevanz erzeugender Konzepte und Inhalte für den Geldgeber, Kompromisse. Kunst ist ein Beruf, die Künstler_innen stets an der Schnittstelle von Strukturerhalt und Auftragserfüllung einerseits, künstlerischer Notwendigkeit und Freiheit andererseits.

Mit “sechsunddreißigtausend” entsteht nun ein Projekt, dass diese Schnittstelle selbst zum Thema macht. Entstanden ist es aus der Metamorphose einer Idee, die ihre Relevanz verloren hat. Ohne diese blieb uns nur eins: von vorne beginnen und den Weg als das Ziel zu nehmen. Oder anders: Die Suchbewegung ist unser Produkt, das Werkwerden selbst unser Thema. Der Medienwissenschaftler Timo Skrandies beschreibt diese Arbeitsweise als “radikal a-produktiv, da sie ihre Produktivität darin findet, das Paradigma gesellschaftlicher Arbeit in eine Form der Krise zu führen, ohne (...) diese direkt – etwa im Sinne von Subversion oder eines Protests – zu addressieren.” Herzlich Willkommen in unserem Spiel-Platz-Labor.

Natascha Moschini ist ausgebildete Tänzerin. Aber sie tanzt nicht. Stattdessen fragt sie nach der Relevanz von Tanz. Aber welcher Art von Tanz? Mit welchen Bewegungsformen lässt sich für sie etwas (eine Relevanz, eine Dringlichkeit, eine Lust) erzeugen? Natascha Moschini sucht in "body in a not so good/good shape" nach dem Urmoment des Tanzes. Dabei verausgabt sie sich. Sie rennt, sie fährt Fahrrad, sie schreibt sich leer. In der Erschöpfung liegt ein Neubeginn. Was kommt nach der Erschöpfung? Und was passiert, wenn der Körper endlich das Denken übernimmt? Wie entsteht eine körperliche Kreativität? Natascha Moschini bringt ihren Körper in einen Ausnahmezustand. Er ist hochproduktiv. Ist das Sport oder Kunst? Dabei ist der Kontext klar. Natascha Moschini stellt die Codes der Kunst in Frage – ihre Performance wird hierdurch verletzlich und angreifbar. Kein Code beschützt sie. Stattdessen bietet sie dem Publikum die Möglichkeit, sich das Gesehene anzueignen und eigene Bedeutung zu produzieren.

Ein Projekt der Tanzszene Baden-Württemberg in Kooperation mit dem Württembergischen Kunstverein Stuttgart und der Akademie Schloss Solitude.

Unterstützt durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, den Innovationsfonds des Landes Baden-Württemberg, die Stiftung Theaterhaus Stuttgart und Stiftung LBBW.